Tätigkeitstheoretische Anmerkungen zur Diskussion um das Moratorium der Digitalisierung in KITAs und Schulen

Prof. Dr. Ysette Weiss (Mainz)

Die von der Bildungspolitik, öffentlichen Medien und auch vielen Soziologen postulierte Informationsgesellschaft wird von diesen auch mit der Notwendigkeit verbunden, Bildung vollständig neu und digital zu konzipieren. Analysen des Erhaltenswerten und die Einbeziehung kulturhistorischer Bildungstraditionen scheinen keine Voraussetzungen für diese visionären Entwürfe zu sein. Empirische Studien und Kritik aus der Praxis, welche die auf den Weg gebrachte Digitalisierung des Bildungssystems betreffen, meinen Bildungspolitiker deshalb auch ignorieren zu können. Was aber meint Erziehung zur Mündigkeit in einer digital ausgestatteten Schule? Die Verwendung digitaler Werkzeuge ist besonders im Mathematikunterricht naheliegend, da Algorithmen sowohl in der Mathematik eine wichtige Rolle spielen als auch Grundlage digitaler Techniken sind. Gleichwohl zeigen Jahrzehnte andauernde Bemühungen, Computer im Unterricht zur Förderung mathematischen Verständnisses einzusetzen, dass dies vor allem dann gelingt, wenn bereits ein konzeptuelles Zahlenverständnis und grundlegende geometrische Vorstellungen und Denkweisen ausgeprägt wurden, wenn also auf vorangegangene Lernerfahrungen ohne Computer aufgebaut werden kann. Die Auseinandersetzung mit der Sinnhaftigkeit der „Digitalisierung des Mathematikunterrichts” erfolgt aus einer tätigkeitstheoretischen Perspektive. Diese Sichtweise erlaubt es, den Blick weg von der Entwicklung technischer Werkzeuge hin auf die Entwicklung von Tätigkeiten und den Vergleich des Entwicklungspotenzials von Tätigkeiten mit unterschiedlichen vermittelnden Werkzeugen zu lenken und letztere zu vergleichen.

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